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Gläsernes Exerzitium

Bild an Bild, Glas an Glas: Peter Dreher in Freiburg

Im momentanen Kunstbetrieb mit seiner gefräßigen Bildersüchtigkeit, seinem unstillbaren Bedürfnis nach spektakulären Großereignissen und sensationellen Zeitgeist-Neuheiten, wirkt Peter Dreher wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Der Freiburger Maler und Professor an der Kunstakademie Karlsruhe, an deren Freiburger Dépendance er seit 1965 unterrichtet, betreibt seine Kunst auch heute noch so, als gäbe es das ganze eitel aufgeplusterte Getöse um ihn herum nicht: als ein von allen äußerlichkeiten entschlacktes, fas mönchisches Exerzitium, das seine Maßstäbe nur an und aus sich selbst gewinnt. über die Jahre hinweg hat er sein thematisch ohnehin nicht allzu breites Oeuvre immer mehr auf einen zentralen Punkt verdichtet. Auf die Frage nach dem Wesen der Wirklichkeit und die überlegung, was die Malerei zu ihrer Ergründung heut noch leisten kann. Die Produktion in Serien ist für den achtundfünfzigjährigen, in Mannheim geborenen Künstler dabei zur bevorzugten Malhaltung geworden. Keines seiner Gläser, Tassen oder Wolkenformationen existiert als einzigartiges, unwiederholbares Einzelstück. Ihre Wirklichkeit behaupten diese Bilder immer nur in einer Form der Vervielfältigung, die darum weiß, dass sie nicht das Wesen der Realität fixiert, sondern allenfalls ihren flüchtigen, ständig wechselnden subjektiven Schein. In ganz besonders eindrücklicher Weise zeigt sich das an seiner Gläser-Serie "Tag um Tag ist guter Tag", die zur Zeit in einer groß angelegten Ausstellung im Freiburger Museum für Neue Kunst zu sehen ist. Die Gläser begleiten Peter Dreher bereits seit 1974. Damals begann der ehemalige Schüler von Wilhelm Schnarrenberger und Karl Hubbuch mit einer kleinformatigen Reihe, die immer das gleiche, exakt realistisch gemalte Mostglas vor helltonigem Hintergrund zum Gegenstand hatte. Ursprünglich sollte diese Serie nur einige wenige Bilder umfassen, um, wie er es selbst formuliert, zu zeigen, "dass es nicht nötig ist, das Motiv zu wechseln, um zum Malen angeregt zu werden". Aus der geplanten Etude ist mittlerweile ein Lebenswerk geworden. Annähernd tausend dieser schlichten Trinkgefäße hat er in den letzten sechzehn Jahren unter stets gleich bleibenden Bedingungen gemalt, und ein Ende ist nicht abzusehen: Immer dasselbe Glas in derselben Position, abends zur gleichen Uhrzeit bei künstlichem Licht. Rund fünfhundert dieser akkuraten Glasstudien sind in Freiburg ausgestellt, als Bilderfries, der in Augenhöhe durch die Museumsräume läuft und sich am Ende wieder mit seinem Anfang trifft: Bild an Bild, Glas an Glas, eine Endlosschleife, in der die Zeit stillzustehen scheint und von der Vielfalt der Welt nur ein banaler, dazu noch leerer, gläserner Rest bleibt. Harter Stoff für unsere reizüberfluteten Betrachteraugen, die an schnellen Wechsel und ständige überraschungen gewöhnt sind. Dem eiligen, auf die Permanenz der Abwechslung konditionierten, modernen Blick bietet dieser Bilderfries denn auch nichts: Kein herausragendes Meisterwerk, keinen persönlichen Stil, keine Unterbrechung seiner augenscheinlichen Monotonie. Ihre tiefe und anhaltende Faszination enthüllt diese zerbrechliche Welt nur demjenigen, der zu ihrer Betrachtung das gleiche Maß an meditativer Konzentration aufbringt, die Peter Dreher bei der Herstellung seiner Kleinformate verwendet. Die "Entdeckung der Langsamkeit" als Bedingung für eine geglückte Wahrnehmung . Sicherlich schwingt da ein didaktischer Ton mit, der sich in Verbindung mit Drehers Tätigkeit als Akademielehrer bringen lässt. Einen erhobenen Zeigefinger spürt man freilich dabei nicht. Wir haben immer die freie Wahl, sein Wahrnehmungsangebot anzunehmen oder abzulehnen. Wer sich darauf einlässt, geht allerdings auch ein Wagnis ein. Denn er erlebt nicht die Wiederkehr des Immergleichen, die, im Gestus der malerischen Wiederholung, die verlässliche Darstellbarkeit der Welt bestätigt, sondern genau das Gegenteil: Die Unmöglichkeit der Wiederkehr der Wirklichkeit im Bild, die unaufhebbare Differenz zwischen Abbild und Abgebildetem. Was im Schnelldurchgang wie die fünfhundertfache identische Reproduktion des immer gleichen Glases aussieht, ist in Wahrheit eine Auflösung des realen Gegenstandes in fünfhundert verschiedene künstlerische Vor-stellungen, deren Summe nicht die Wirklichkeit spiegelt, sondern allein den subjektiven Blick, den der Künstler darauf wirft. Im Verlauf der Jahre erscheint das Glas mit einer geradezu chamäleonartigen Verwandlungskraft begabt: Am Anfang steht es hell, milchig und fast opak im Bildzentrum, in den frühen achtziger Jahren verschattet es sich in ein rötlich-violettes Dunkel und zeigt sich inzwischen in einer Atmosphäre harter, nüchterner Klarheit. Bisweilen wirkt es wie ein schwerer, kompakter Glasblock, dann wieder quasi entkörpert, schwebend. Mal explodieren weißlich-blaue Salven von Lichtreflexen auf dem Glasboden, dann wieder zeigt es sich völlig eisig und unbewegt. Der besondere Reiz des Dreherschen Experiments liegt darin, dass diese subjektiven "Störungen" sozusagen "gegen den Willen" des Malers ihre Spur im Bild hinterlassen haben. Denn sein Anliegen, das sich auch an den stets gleich bleibenden "objektiven" Rahmenbedingungen seiner Versuchsanordnung ablesen ässt, beschränkt sich ja immer auf den Vorsatz: "den Gegenstand exakt darzustellen, nichts hinzuzufügen oder weg zu lassen". Was sich diesen Bildern an Veränderungen einschreibt, ist also eine Art "écriture automatique" des Unbewussten, die gerade, weil der Maler keinen Einfluss auf sie hat, nur um so deutlicher zeigt, wie unüberbrückbar tief der Graben zwischen der Wirklichkeit und den Bildern geworden ist.
 
Frankfurter Allgemeine Zeitung: Feuilleton, 8. Februar 1990